Die Jugend von heute…

“Wenn du mit dem Termin in der MusstdueinparkenkönnenStraße fertig bist und in die Parkwoanders-Straße fährst, kann du ja kurz bei Aldi halten und Milch, Kaffee, Klopapier, Möbel, Drucker, Elefanten… mitbringen”.

Kein Problem Chef, in den ca. 90 Sekunden die zwischen den Terminen liegen, kann ich im Notfall auch das ganze Büro neu bestücken. Der Auftrag war klar und ich siegessicher. In Rekordzeit hatte ich alle lebensnotwendigen Güter in den Einkaufswagen verfrachtet und schob äußerst zufrieden Richtung Bezahlstation. Dort angekommen widmete ich mich gewissenhaft dem schwierigsten Teil der Aufgabe – Dem Sortieren und Trennen der Waren nach Zurechnungsstelle. Die Buchhaltung sollte man schließlich nicht verärgern. Während ich nun den letzten Warentrenner  hinter meinen Haufen “Privat” legte, wurde mir blitzartig mein Fehler bewusst. Ich hatte den ersten Warentrenner vergessen. Die Kassiererin, die noch den vorherigen Kunden bediente, griff beherzt nach meiner Milch. In letzter Sekunde konnte ich sie stoppen. Das lebensspendende Elixier blieb auf der richtigen Seite des Lichtschrankenequators und ich wollte grade erleichtert aufatmen. Die Kassiererin wies mich noch freundlich darauf hin, dass ich doch bitte zukünftig die extra bereitgestellten Warentrenner nutzen möge und wollte sogleich den Kunden zur Kasse beten.

Der vorherige Kunde war ein missmutig drein blickender, älterer Herr von geschätzten 63 Jahren. Er trug einen Militäranzug mit deutscher Flagge und feste Springer-Stiefel. Bevor ich der netten Damen am Kassierpult antworten konnte, ergriff er das Wort und erklärte die Sachlage.

“Sparen Sie sich die Mühe, die Jungend von heute ist sogar zu dumm zum Einkaufen, nichts können die, nur Ficken und Saufen aber selbst dazu sind sie zu blöde und haben dann mit 16 die Blagen, die wir von unseren Steuern durchfüttern müssen. Alles nutzloses Pack. Da wünscht man sich die Arbeitslager zurück. Züchtigen sollte man die. Zu faul zum Arbeiten und zu dumm zum Ficken (Das Thema Sex schien ihn sehr zu beschäftigen). Der dummen Schlampe sollte man mal zeigen was Respekt ist aber da wo die her kommt, kennt man sowas nicht. Sieht man doch gleich, dass das ne Schmarotzerin ist bei den dunklen Haaren. Da hat man nun vom Sozialstaat, arbeitet sich krumm für solche Ostschlampen.   … ”

Während der Herr seinen Monolog vortrug, wurde mein gewonnenes Zeitfenster immer kleiner, so dass ich ihn kurz unterbrach und bat zwischendurch kurz seine Ware zu zahlen, ich müsste mich dringend meiner Arbeitslosigkeit, den Blagen und dem Alkohol widmen. Irgendwie gefiel ihm das nicht und er spukte mir frontal ins Gesicht und gebrauchte Ausdrücke wie “missgebildete Fotze” und “Piep”. Während ich noch völlig fasziniert – angespuckt hat mich in der Tat noch niemand – neben meiner Milch stand, war schon die Hölle los.

Junge Herren aus der Warteschlage schlugen sich auf meine Seite und stellten sich schützend vor mich. Einige verstellten den Ausgang, die Kassiererin rief den Filialleiter. So viel Aktion hatte Aldi wahrscheinlich auch länger nicht mehr.

Da Ganze erledigte sich dann schnell. Der sympathische Herr wurde hinausbegleitet, die Polizei kam, weil er zusätzlich noch ein paar jüngeren Herren vorführen wollte “was ein echter Kerl so drauf hat” und ich bekam einen 10€ Einkaufsgutschein.

Blitzschnell fuhr ich dann weiter in die Parkwoanders-Straße, stellte mich ins Halteverbot und sauste zu meinem Termin. Empfangen wurde ich dort von einem ca. 2 Meter großem, knurrendem und kläffenden Rottweiler Mischling und einem jungen Herren in Militärkleidung mit Deutschlandflagge. “Kommen sie rein, der beißt nicht”.

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