Pussy

Meine Eltern haben mir wenig verboten, eines der wenigen Verbote war das Rauchverbot. Keine Zigaretten bevor du nicht 18 bist. Ein relativ schlechtes Verbot, denn so begann ich mit 18 das Rauchen. Weg mit dem lieben Mädchen, 18 Jahre, Freiheit, Rebellion, ein völlig neues Image. Zugegeben, es wäre deutlich rebellischer gewesen, vorher mit dem Rauchen anzufangen aber ich war schon immer eine Pussy. Mit 18 konnte ich nun tun und lassen was ich wollte und habe mir die erste Packung Zigaretten gekauft. Marlboro Light, man wills ja nicht übertreiben.

Nachdem ich meine ersten Züge hinter mir hatte und nicht mehr vor Husten zusammen brach, habe ich mich also mit meiner Zigarette in die Öffentlichkeit gewagt. Das war überraschend positiv. Ich hätte nie gedacht, wie viele interessante Geheimnisse während einer Raucherpause geteilt werden. Ich war schon zu alt um durchs Rauchen ein gesondertes Maß an Coolness zu gewinnen aber so eine Zigarette trägt schon enorm zur Zugehörigkeit bei. Wer stellt sich denn zu anderen Leuten und sagt “hey, ich möchte gern dazu gehören, ich stell mich mal neben euch und höre zu”? Kommt komisch, ist klar. “Hey, wollen wir mal eine Rauchen?” – das klappt.

Plötzlich war ich also Raucher. Es blieb nicht bei den zwei Zigaretten pro Woche. Schließlich gibt es viele Gelegenheiten und die Sucht weiß schon wie sie einen kriegt. Spätestens mit 19 Jahren war ich endgültig süchtig. Das Nikotin ist dabei das geringste Problem. Es ist – wie bei allen Rauchern – die Gewohnheit. So rauche ich 8 Stunden im Büro keine einzige Zigarette. Ich wäre alleine, stünde einsam vor der Tür in der Kälte. Anders ist das im Auto oder auf Feiern. Keine 10 Minuten und ich brauche ganz dringend und sofort eine Zigarette. Stau ohne Zigaretten? Absolut unerträglich!

Da ist aber wie gesagt eine Pussy bin, mache ich mir Sorgen um meine Gesundheit. Die Kommentare meiner Freunde, mein Auto würde so sehr stinken und die immer gelber werdenden Kunststoffteile führten also spontan zu dem Entschluss – im Auto wird nicht mehr geraucht. Da lag es nah das Rauchen einfach ganz zu lassen. Ich habe diesen Vorsatz ca. 2 Stunden durchgehalten, dann kam der Stau.

Heute gibt es ja aber Alternativen. E-Zigaretten. Klar, so eine achte Zigarette kriegt man nicht ersetzt. Dieses Kratzen, wenn der Teer in die Lunge zieht, der Husten, der scheußliche Geschmack und der Gestank, das bekommt man nicht imitiert. Aber es gibt die Möglichkeit relativ geschmacklosen Dampf ein- und auszuatmen. Teuer ist es auch – perfekt. Der Entschluss stand. Eine E-Zigarette wird die Lösung aller meiner Stinkprobleme. Gesund ist es auch, sieht man mal von dem Nervengift ab, was man sich in die Birne pumpt.

Dank Amazon ließ sich das Projekt E-Zigarette auch zeitnah umsetzen. Seit gestern bin ich stolzer Besitzer einer Ego-T. Sie sieht aus wie ein Kugelschreiber und wird mit einer Flüssigkeit befühlt, die dann verdampft wird. Da ich, wie erwähnt, eine Pussy bin dampfe ich Himbeere. Bei dem Tabakgeschmack hatte ich sorge er schmecke zu sehr nach Tabak und den mag ich eigentlich gar nicht.

Ich befinde mich noch in der Testphase. Sicher sagen kann ich aber schonmal, dass es wahnsinnig wenig rebellisch aussieht und man in der Raucherpause nicht mehr zu den Rauchern und erst recht nicht zu den Nichtrauchern gehört. Aber es hat auch total viele Vorteile. Okay, die Vorteile vom Rauchen hat man also nicht mehr aber das macht ja nichts, denn dafür hat man ähm, also man hat auch Vorteile, es ist ja weniger schädlich und auch etwas günstiger. Man ist also fast Nichtraucher nur mit etwas mehr Gift und etwas weniger Geld auf dem Konto.

Bisher bin ich also ziemlich überzeugt und habe mich schonmal mit Honigmelone und Apfel eingedeckt.

 

 

 

 

 

Deutschland deine Hürden

Eins der ungelösten Mysterien ist ja, dass man immer alles dabei hat, nur nie das was man braucht. Ich hatte somit gestern, trotz gigantischer Ibuprofenvorräte an allen erdenklichen Orten kein Ibu mehr. Recht unglücklich, wenn der Kopf grade überlegt zu zerspringen.

In meinem – eigentlich schon fahruntauglichen Zustand – bin ich also zur Notfallapotheke gefahren. Die gestrige lag recht zentral im Hamburger Stadtteil Harburg. Es war knapp 16 Uhr und noch ziemlich hell. Die Apotheke hatte Ihre Türen aber schon geschlossen. Ein kleines Ausgabefenster war noch geöffnet.

Vor der Tür stand ein älterer Herr in einem Rollstuhl. Genau genommen saß er und der Rollstuhl stand. Eigentlich nichts ungewöhnliches und nichts, was für eine recht große und zentrale Apotheke problematisch sein sollte. War es aber. Vor der Eingangstür und somit auch vor dem Ausgabefenster war eine recht hohe Stufe. Nur eine, dazu mit bestimmt 1,5m Tiefe. Eine Rampe wäre also sicher kein Problem.

Ich kam grade dazu als die Apothekerin mit dem Kunden überlegte, wie nun die 1,5m überbrückt werden sollen. Nein, die Tür öffnen und rauskommen ginge nicht. Vorschrift, zu gefährlich, könnte ja jeder machen. Da meine Platine noch auf Migräne geschaltet war, war ich unfähig irgendwie zu reagieren aber im Nachhinein kann ich mich einfach nur noch wundern. Wir leben in einem Land, wo jeder Verletzte mit Spezialhubschraubern und modernster Technik zu jederzeit überall geborgen werden kann. Gleichzeitig kann ein einfacher Herr seine notwendigen Medikamente nicht zu richtigen Zeitpunkt nehmen, weil der Ausgabeschacht 1,5m zu weit entfernt ist und die Türen Samstag Nachmittag um 16h nicht mehr geöffnet werden dürfen?

Der Mann versuchte grade unter zitternden Beinen sich irgendwie aus dem Rollstuhl zu haben als mein Gehirn dann kurzzeitig den Notstrom einschaltete und ich die Medikamente übergeben konnte.

Die Apothekerin bat den Herren eindringlich sich doch das nächste mal vorher zu informieren, ob die Apotheke rollstuhlgerecht wäre. Der Herr bedanke sich bei mir und flüsterte mehr zu sich selbst, dass die nächste Rolliapotheke fast 5km entfernt wäre, eine Strecke, die er nicht alleine schafft.

In solchen Momenten stehe ich dann da und kann es nicht glauben. Da wird mein junges, unbeschwertes und naives Weltbild, dass mir sagt, dass man in Deutschland doch wirklich ganz gut leben kann, wenn man sich bemüht, schwer erschüttert. Klar, Veränderungen brauchen Zeit. Nicht jedes Gebäude lässt sich mal schnell Umrüsten und Kosten / Nutzen stehen zumindest für den Betreiber oft nicht im Verhältnis. Zwei Fliesen  zu Entfernen und durch eine Rampe zu ersetzen – für eine Apotheke, wo der Besuch von Kranken, Alten oder Behinderten ja nun nicht völlig abwegig ist – das muss doch möglich sein?

Obama bleibt

Wie die meisten Deutschen finde ich das doch wirklich positiv.

Erstaunlich aber finde ich das Ausmaß des Wahlkampfes und der Wahl. Millionen Tweeds, Facebookmeldungen, Plakate, Fähnchen, Partys. Milliarden von Euros sind direkt in den Wahlkampf geflossen. Indirekt – also über den Verkauf von Fanartikeln – wahrscheinlich auch nochmal das Selbe. Das ist nicht nur unvorstellbar sondern pervers.

Das Interesse der deutschen an der US-Regierung ist gigantisch. Wer heute weiß, wie das Wahlsystem funktioniert ist ganz vorne dabei. Wer davon wohl weiß, wie es in Deutschland funktioniert?

Fahrradfreude

Morgens um halb Sieben sollte man nicht mit mir sprechen und auch nicht genauer hinsehen. Meine Laune befindet sich zu der Zeit – sofern ich nicht in meinem Traumland schlummer   – irgendwo auf dem absoluten Gefrierpunkt. Ich spreche um diese Uhrzeit grundsätzlich eigentlich nicht und lächeln ist schonmal gar nicht drin.

Heute war es besonders schlimm. Es ist kalt, es ist nass, ich habe keine 5 Stunden geschlafen und ich muss heute eine verdammte beschissene nervige dumme Hausaufgabe in der Uni abgeben.

In entsprechender Stimmung schlafwandelte ich also heute morgen um halb sieben in die Bäckerei, machte ein Gesicht wie 7 Tage Regenwetter und starrte ausreichend informativ auf das Franzbrötchen und murmelte was von “Kaffee… jaja schwarz”.

Vor der Tür begegnete ich einem jungen Mann, der fröhlich mit seinem Fahrrad durch den Regen düste und mir fröhlich zurief “duuu ich hab Gääääld”. Er bremste neben mir und zeigte mir stolz ein 2Euro Stück. Ich konnte nicht umhin und musste doch Lachen. Ich fragte ihn, wo er denn das ganze Geld her hat und was er jetzt damit vor hat. Er erklärte mir stolz, dass er in seiner Wohngruppe für die Frühstücksbrötchen zuständig ist. Jeden morgen holt er die Brötchen und da die Brötchen bei diesem Bäcker – der fast 10km weiter entfernt ist – so viel günstiger sind, kauft er immer hier. So hätte er täglich von seinem Brötchengeld 2Euro über. Er spart das nun schon seit 6 Monaten und bald kann er seiner Freundin von dem Geld ein Fahrrad kaufen. Ich gab ihm zwei Euro und wurde herzlich umarmt.

Zurück in meinem Auto hatte ich dann wirklich gute Laune. Dieser Junge Mann war heute morgen für mich ganz besonders wundervoll. Es sind eben doch die kleinen Gesten die einen glücklich machen. Ein wenig Demut tat mir auch ganz gut. Es ist so schön, dass es Menschen gibt, die die Welt noch mit anderen Augen sehen können.