Deutschland deine Hürden

Eins der ungelösten Mysterien ist ja, dass man immer alles dabei hat, nur nie das was man braucht. Ich hatte somit gestern, trotz gigantischer Ibuprofenvorräte an allen erdenklichen Orten kein Ibu mehr. Recht unglücklich, wenn der Kopf grade überlegt zu zerspringen.

In meinem – eigentlich schon fahruntauglichen Zustand – bin ich also zur Notfallapotheke gefahren. Die gestrige lag recht zentral im Hamburger Stadtteil Harburg. Es war knapp 16 Uhr und noch ziemlich hell. Die Apotheke hatte Ihre Türen aber schon geschlossen. Ein kleines Ausgabefenster war noch geöffnet.

Vor der Tür stand ein älterer Herr in einem Rollstuhl. Genau genommen saß er und der Rollstuhl stand. Eigentlich nichts ungewöhnliches und nichts, was für eine recht große und zentrale Apotheke problematisch sein sollte. War es aber. Vor der Eingangstür und somit auch vor dem Ausgabefenster war eine recht hohe Stufe. Nur eine, dazu mit bestimmt 1,5m Tiefe. Eine Rampe wäre also sicher kein Problem.

Ich kam grade dazu als die Apothekerin mit dem Kunden überlegte, wie nun die 1,5m überbrückt werden sollen. Nein, die Tür öffnen und rauskommen ginge nicht. Vorschrift, zu gefährlich, könnte ja jeder machen. Da meine Platine noch auf Migräne geschaltet war, war ich unfähig irgendwie zu reagieren aber im Nachhinein kann ich mich einfach nur noch wundern. Wir leben in einem Land, wo jeder Verletzte mit Spezialhubschraubern und modernster Technik zu jederzeit überall geborgen werden kann. Gleichzeitig kann ein einfacher Herr seine notwendigen Medikamente nicht zu richtigen Zeitpunkt nehmen, weil der Ausgabeschacht 1,5m zu weit entfernt ist und die Türen Samstag Nachmittag um 16h nicht mehr geöffnet werden dürfen?

Der Mann versuchte grade unter zitternden Beinen sich irgendwie aus dem Rollstuhl zu haben als mein Gehirn dann kurzzeitig den Notstrom einschaltete und ich die Medikamente übergeben konnte.

Die Apothekerin bat den Herren eindringlich sich doch das nächste mal vorher zu informieren, ob die Apotheke rollstuhlgerecht wäre. Der Herr bedanke sich bei mir und flüsterte mehr zu sich selbst, dass die nächste Rolliapotheke fast 5km entfernt wäre, eine Strecke, die er nicht alleine schafft.

In solchen Momenten stehe ich dann da und kann es nicht glauben. Da wird mein junges, unbeschwertes und naives Weltbild, dass mir sagt, dass man in Deutschland doch wirklich ganz gut leben kann, wenn man sich bemüht, schwer erschüttert. Klar, Veränderungen brauchen Zeit. Nicht jedes Gebäude lässt sich mal schnell Umrüsten und Kosten / Nutzen stehen zumindest für den Betreiber oft nicht im Verhältnis. Zwei Fliesen  zu Entfernen und durch eine Rampe zu ersetzen – für eine Apotheke, wo der Besuch von Kranken, Alten oder Behinderten ja nun nicht völlig abwegig ist – das muss doch möglich sein?

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