Du kannst doch alles werden

“Ich glaube ich werde so etwas ganz Normales, so etwas im Büro oder Arzthelferin, ich bin ja auch nur ganz normal.”

“So ein Quatsch, du bist doch erst 10, du kannst alles werden. Du kannst Astronaut werden oder Bundeskanzler oder etwas, was es noch gar nicht gibt.”

Kann man das? Ich glaube das kleine Mädchen hat nicht unrecht. Man ist ja schon als Kind man selbst. Genau genommen, wird man bereits mit sich selbst geboren. Vielleicht ist alles vorbestimmt und wir blättern die Seiten unseres Lebensbuches nur um und versinken in der Geschichte. Vielleicht schreibt sich die Geschichte aber auch erst jetzt, just in diesem Moment. Wenn Gott meine Geschichten so schreibt, wie ich meine Hausarbeiten, dann ist auch er gerade erst bei meinen nächsten 5 Minuten.

Sicher ist aber, dass sich die Geschichte schon am Anfang einige Wege schließt. Man kann nicht alles sein, nicht alles werden und nicht alles ändern. Jeder Mensch hat seine Talente. Ich kann nicht singen. Wirklich gar nicht. Ich könnte kein Sänger werden. Nichtmal dann, wenn ich mein ganzes Leben dem Singen widmen würde. Vielleicht könnte ich es schaffen mit moderner Technik und Tricks, mit Unterricht und Mühe Töne hervorzubringen die andere kaufen. Aber ein wirklicher Sänger könnte ich niemals werden. Ich bin auch nicht intelligent genug um Astrophysiker zu werden. Vielleicht könnte ich auch dort Geld mit verdienen aber ich wäre niemals gut und niemals wäre das mein Weg.

Aber es sind viel weniger die Talente und Begabungen und noch nicht einmal die Interessen, die darüber bestimmen, wer man wird. Vielmehr sind es vielleicht die inneren Barrieren. Die Ängste und Werte die man in sich trägt.

Jeden Tag fahre ich am Hamburger Flughafen vorbei. Ich höre täglich die großen und die kleinen Maschinen über den Himmel donnern. Ich stelle mir oft vor einfach anzuhalten, ein Ticket zu lösen und irgendwo hin zu fliegen. Das ist eigentlich ganz einfach. Ich könnte das heute noch tun. Meine EC Karte würde anstandslos ein Ticket ermöglichen. Einen Koffer braucht man nicht, vermutlich haben die Menschen vor Ort auch Kleidungsverkaufseinrichtungen. Um in ein Flugzeug zu steigen braucht es keine großen Talente.

Warum aber bleibt dies wohl für immer ein Traum? Warum wünsche ich mir so sehr etwas zu tun, was ich problemlos einfach tun könnte. Es gibt nichts, was mich abhält. Oder doch? Irgendwas muss mich ja abhalten, sonst wäre ich schon weg?

Aber was ist es? Ich habe keine Angst vor Herausforderungen. Ich bin genügsam und unkompliziert. Es ist wohl eher so, dass ich einfach nicht so bin. Ich mag meine finanzielle Sicherheit. Ich mag es, dass es eine gewisse Kontinuität gibt und ich weiß, wo ich heute Nacht schlafe.

Im Grunde ist es so, dass ich gerne jemand wäre, der solche verrückten Dinge tut aber niemals so jemand sein werde, weil ich seit meiner Geburt einfach ich bin. Es ist nicht so als wäre ich unzufrieden mit mir. Im Gegenteil ich wäre nicht zufrieden damit jemand anders zu sein, weil ich dann nicht mehr ich wäre.

Voraussichtlich werde ich etwas ganz Normales. Ingenieur und Eigenheimbesitzer. Ist ja auch nicht übel so im Ganzen. Das mit dem Fliegen mach ich dann nächstes Leben.